Mittwoch, 8. Juli 2015

Ebola - bis an die Grenze des Erträglichen...


Am 24. Juni 2015 referierte der Tropenmedizinier und Infektiologe Christian Kleine in Düsseldorf auf dem wissenschaftlichen Symposium: "Ebola so fern - und doch so nah!" über seine Erfahrungen und Eindrücke zum Ebola Ausbruch in Westafrika. Diese hat Christian Kleine bereits auch schon im Dezember 2014 in einem Beitrag des WDR dargestellt:


Ebola - mit Sprühflaschen gegen einen Waldbrand...

Christian Kleine während seines Vortrages an der HHU-Düsseldorf
Nach Ansicht von Christian Kleine ist im Dschungel von Westafrika die Ausbreitung des Virus kaum zu kontrollieren. Es ist als ob man mit Sprühflaschen gegen einen Waldbrand vorginge. Erschwerend kommt hinzu, dass neben der Versorgung der Erkrankten ein enormer Bedarf an Unterrichtung der Bevölkerung bestand und besteht. Als Christian Kleine gegen Ende seines Vortrages zu den Sicherheitsvorkehrungen in Europa kam stellte er fest, dass er Dinge wie die folgenden nicht nachvollziehen kann. Zitat:

"Ich verstehe das nicht!"

Bildzitat aus dem Vortrag von Christian Kleine am 24.6.2015
Gemeint war mit der Aussage von ihm war die Art und Weise wie hierzulande mit Ebola umgegangen wurde. Er konnte nicht verstehen, warum beim Empfang eines an Ebola erkrankten Arztes in Leipzig selbst in rund 50 Meter Abstand Posten in Atemschutzmasken und Sicherheitsanzügen - insgesamt 4 an der Zahl um das Flugzeug postiert wurden, während man in Liberia im ELWA-3 Lager in Monrovia am Tor ohne Schutzanzug unter Einhaltung eines Sicherheitsabstandes von 1.5 bis 2 Metern ohne Schutzkleidung viele an Ebola erkrankte Patienten abweisen musste. Ähnliches wurde auch in Paris praktiziert und inzeniert, als ein Patient mit zwei (!) Krankenwagen und einer Polizeieskorte und 70 km/h durch die Stadt ins zuständige Spital verlegt wurde. Ein großes Problem in Liberia ist und war die Entsorgung der anfallenden Abfallmengen, die durch die Krankenversorgung entstanden und im Lager verbrannt werden mussten.




Auch der in Hamburg versorgte Ebola Patient hat die dortige medizinische Fakultät an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit geführt. Frau Professor Adde, Infektiologin am UKE-Hamburg, wies darauf hin, dass für die Versorgung des einen Patienten über fast 2 Monate, mehr als 7.5 Tonnen an Abfällen anfielen, die innerhalb der Infektionsstation entsorgt werden mussten. Eine Intensivstation musste geschlossen werden, weil der personelle Aufwand für den Erkrankten extrem hoch war. In der kritischen Phase der Erkrankung stehen vor allem Erbrechen und Durchfälle mit extrem hohen Flüssigkeitverlust im Vordergrund. Dabei verlieren die Patienten zum Teil mehr als 12 Liter Flüssigkeit am Tag. Der Ersatz dieses Flüssigkeitsverlustes von teilweise mehr als 12 Litern, der zum Teil nur über einen peripheren intravenösen Zugang möglich ist, ist schon kaum zu bewerkstelligen. "Wie soll das in einem Lager in Liberia funktionieren? Es ist vollkommen utopisch zu glauben, dass ein Mensch, der zudem noch Durchfälle und massives Erbrechen hat auch nur 10 Liter an einem Tag trinken und oral aufnehmen kann - und das gleich noch über mehrere Tage...", stellte Frau Professor Adde fest. "Sowas bereitet bereits einem Gesunden enorme Schwierigkeiten"

Christian Kleine berichtete, dass während seiner Zeit der Andrang an Patienten so hoch war, dass man mit Blick auf die Ausbreitung der Seuche nur die besonders schwer Kranken, also jene die auf Grund ihres Erbrechens und ihrer Durchfälle ein sehr hohes Infektionsrisiko für die Bevölkerung darstellen aufnehmen konnte. Mit unter war das Tor zum Lager nur für eine halbe Stunde am Tag geöffnet und musste dann geschlossen werden. Dies war für ihn schon eine mehr als belastende Situation. Man musste Hilfesuchende abweisen, weil die Kapazitäten im Lager, dem größten in Liberia, nicht mehr ausreichten. Wenn am nächsten morgen dann die Toten vor dem Tor lagen, die man tags zuvor abweisen musste, dann war das alles andere als leicht.

Ebola ist eine brutale Erkrankung...

Rund 70 Prozent der Infizierten haben das Camp nicht mehr lebend verlassen. Von rund 1100 Personen kamen nur 300 lebend wieder raus. Zwar wurden Verdachtsfälle zunächst von den bestätigten Ebola Erkrankten getrennt, doch es kam sogar einmal vor, dass eine Mutter mit drei Kindern, bei der sich der Verdacht bestätigte, von ihren Kindern getrennt wurde und in den Krankenversorgungsteil des Camps mit dem bestätigten Ebola Infizierten kam. Die Kinder, die noch unter Verdacht standen, blieben in der Verdachtszone. Doch eines der Kinder hielt sich nicht an die Trenunng und lief zur Mutter in die Krankenzone und musste danach bei ihr bleiben. Später bestätigte sich auch bei den drei Kindern der Ebolaverdacht. Alle verstarben. 

Ganze Familien wurden ausgerottet. Ein großes Problem waren die Beerdigungen, wo die hochinfektiösen Leichnahme von hunderten umarmt wurden, die später noch in überfüllten Autos dann heimwärts fuhren. Hatte man sich nicht bereits an der Leiche angesteckt, so erfolgte die Ansteckung spätestens bei der Heimfahrt im direkten Kontakt mit den anderen Autoinsassen. Auf diese Weise infizierten sich zum Teil hunderte an Personen, von denen die Mehrzahl verstarben.

Die Versorgung der Erkrankten ging bis an die Grenze des Erträglichen. Nach seinem Vortrag sprach ich noch mit Christian Kleine. Mich interessierte vor allem, wie man die Eindrücke seelisch verarbeitet. Denn was er dort gesehen haben muss, dürfte die menschliche Vorstellungskraft bei weitem übersteigen und ich kann mich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass die Dinge die er gesehen hat, ihn noch heute beschäftigen. Er wies darauf hin, dass es durchaus ärztliche Kollegen gab, die wegen der Dinge die sie dort sahen und erlebten, ihren Aufenthalt vorzeitig abbrechen mussten. Er selber würde aber sofort wieder helfen, wenn es erforderlich wäre. Man dürfe nicht vergessen, dass es immerhin auch eine ganze Reihe an Menschen gab, die Ebola überlebt haben. Und dies seien die besonders wertvollen Momente gewesen, die er nicht missen möchte...

Magische Momente in einer humanitären Katastrophensituation - Sie hat Ebola überlebt und durfte geheilt und nach einer Desinfektionsprozedur des gesamten Körpers neu eingekleidet das Camp verlassen...

Magische Momente im Camp in Liberia...

Foto aus dem Vortrag von Christian Kleine an der HHU-Düsseldorf
Eine Umarmung der Entlassenen nahm die letzten Zweifel der Betroffenen, dass sie für ihre Umwelt noch gefährlich sein könnten, wenn gleich das Virus auch bis einem halben Jahr nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge, beispielsweise durch ungeschützten Sexualverkehr weitergereicht werden kann.

Die meisten haben nicht überlebt - Schwangere, Kinder und Frauen starben - vielen konnte nicht geholfen werden. Ebola ist weiterhin nicht unter Kontrolle. Christian Kleine wies darauf hin, dass Ärzte ohne Grenzen allein rund 1/3 der Erkrankten während der Epidemie versorgt hat. Mehr als 530000 Schutzanzüge wurden verbraucht und hunderte Tonnen an Material durch Medicines sans frontiéres in den von Ebola betroffenen Gebiete gebracht.

Ich fragte ihn, ob man zumindest versucht habe mit Hilfe von Patientenserum der Rekonvaleszenten, also der Überlebenden, jene zu behandeln die neu an Ebola erkrankten - ganz im Sinne einer passiven Immunisierung. Er wies darauf hin, dass auch dies praktiziert wurde und auf die Frage wie die Ergebnisse ausgefallen seien, sagte er dass diese von einer Arbeitsgruppe in Antwerpen derzeit untersucht würden und derzeit noch preliminary seien - also vorläufig - und somit noch nicht publiziert würden.

Ein großes Problem war während des gesamten Ausbruchs, dass in den betroffenen Ländern die gesamte Patientenversorgung in den Krankenhäusern zusammengebrochen ist, was die Zahl der Opfer durch Malaria, Tuberkulose, Verkehrsunfälle und zahlreiche andere Erkrankungen massiv erhöht haben dürfte, da teilweise mehr als die Hälfte des medizinischen Personals in den Ländern an Ebola verstorben sei. Dazu muss man wissen, dass in Afrika und der Region auf 10 000 Menschen rund 3 Ärzte kommen. Zum Vergleich - hier zu lande sind es mehr als 300 Ärzte die auf 10000 Einwohner kommen. Wenn dann von den 3 Ärzten auch noch die Hälfte verstirbt, dann bekommt man in etwa eine Vorstellung mit welchen Problemen die westafrikanischen Länder in einer eh schon schwierigen und desolaten Versorgungssituation zu kämpfen haben.

Auch der gestern erschiene Report der WHO zeigt, dass es in der letzen Wochen 10 neue Verdachtsfälle von Ebola gegeben hat. Die Seuche kann jederzeit neu ausbrechen. Die Einfallspforten nach Europa sind die Flughäfen Charels des Gaulles in Paris, sofern die Einreise aus Liberia erfolgt und London Heathrow sofern der potentielle Spreader aus Guinea einreist. Für die USA ist es der JFK Airport in New York City.

Christian Kleine war froh, dass er während seines Einsatzes, weder Fieber noch Durchfall entwickelte. Denn wäre dies passiert, so wäre sofort das gesamte Team der Ärzte und Pfleger ausgetauscht worden und alle heim geschickt worden  unbeschadet der Frage ob es sich nur um einen banalen Infekt handelt oder nicht. Es grenze schon fast an ein Wunder, dass man sich da kein Durchfall oder einen fieberhaften Infekt eingefangen hat. Denn dies ginge in den Tropen in aller Regel recht schnell...

Christian Kleine hat Mut und Courage in einer aussergewöhnlichen Situation gezeigt. Seine bereits an der Uniklinik Frankfurt erworbenes tropenmedizinisches Wissen war sicherlich ebenso hilfreich. Gleichwohl ist sein aussergewöhnlicher Einsatz, der über das normale Maß jedweder ärztlichen Tätigkeit hinausgeht, so hoch  gewesen und immer noch hoch, dass ich beschlossen habe ihn beim Ministerpräsidenten des Landes Hessen für das Bundesverdienstkreuz am Bande vorzuschlagen - stellvertretend für all jene, die ebenso bereit waren im letzten Jahr in die Hölle von Westafrika zu gehen und dort als Botschafter der Nächstenliebe und des Humanismus sich im besonderen Maße um Deutschland und Europa verdient gemacht haben.

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